„KI-Kunst ist oft der einzige Weg für Menschen mit Behinderungen und Menschen ohne Talent, künstlerisch zu sein.“ – Marcus DiPaola auf TikTok (übersetzt aus dem Englischen)
Diese Aussage tätigte ein bekannter TikToker und bekam neben einer Menge Zuspruch auch eine Riesenwelle an Gegenargumenten. Ein Trend entstand, bei dem Creators das Video als Aufhänger nehmen, diverse behinderte Künstler*innen aufzuzählen oder ihren eigenen Weg von vermeintlich talentlos zu sachkundig und künstlerisch erfolgreich darzustellen. Ein Mut-Mach-Trend, der sagen soll: In jeder Person schlummert latente Kunst, doch KI ist nicht der Weg, an sie heranzukommen. Aber dass dieses Video überhaupt entstehen konnte, zeigt ein Missverständnis von KI, Behinderung und dem Zusammenspiel aus beidem.
Generative KI als Tool?
Oft wird behauptet, bei genAI handle es sich um ein Tool, vergleichbar mit einer Kamera oder einem Zeichenprogramm. Das stimmt so natürlich nicht. Die Kamera oder das Programm sind das, wodurch die Kunst von der menschlichen Idee und nur durch aktiven Einsatz des Menschen zu etwas für andere greifbar wird. Wissen, Einsatz, Fantasie und Schöpfungsmacht der kunstschaffenden Person sind essenziell für die Entstehung des Werkes. Eine generative KI ist bestenfalls eine Aneignung von künstlerischem Schaffen; die Akte des Ausdenkens, Ausprobierens, Erarbeitens und Fertigstellens werden aber vom Menschen auf eine intentionslose, fantasielose und kunstlose Maschine ausgelagert.
Seltener, aber doch oft, kommt die Behauptung, es sei ein Inklusionstool, ähnlich eines Rollstuhls oder lebensverbessernder Medikamente. Das stimmt auch nicht – und ist darüber hinaus auch noch ableistisch. Denn eine KI einem Hilfsmittel gleichzustellen, wertet das Hilfsmittel ab, trivialisiert es sogar. Ein Rollstuhl ist für die Teilhabe am sozialen Leben notwendig. Generative KI ist für nichts notwendig, sie ist bestenfalls überflüssiger Luxus. Also geht mit der Aussage einher, dass Inklusion ebenso Luxusgut ist? Das obenstehende Zitat geht von einer absoluten Nützlichkeit von KI aus: Ohne sie kann keine behinderte Person Kunst betreiben. Das ist schlichtweg faktisch falsch. Denn schon seit Anbeginn der Kunst gibt es behinderte Künstler*innen und ihre Kunst ist wertvoll und essenziell, gerade weil sie von Menschenhand geschaffen ist; mit, wegen und über Behinderung.
Wer bei Teilhabe nicht weiter denkt als generative KI, hat den Kampf für Inklusion bereits aufgegeben, bevor er begonnen wurde. Zu behaupten, behinderte Personen brauchten generative KI, die ihnen das Kunstschaffen abnimmt, weil es zu schwierig, zu überfordernd ist, ist herablassend. Behinderte Menschen wollen und können Kunst schaffen. Ihnen sollte dies ermöglicht werden – nicht durch eine KI abgenommen. Tools, die wirklich helfen, behinderten Menschen den Weg zur Kunst zu ebnen? Kostenlose Kunstkurse. Online-Angebote. Kunst in einfacher Sprache erklären. Materialien, angepasst an bestimmte Körperlichkeiten. Das sind wirkliche Ansätze, Kunst inklusiver zu gestalten. Statt Kunstwissen und -material einfach einer generativen KI in die Hand zu drücken, das hilft niemandem weiter.
Generative KI – Ableismus vorinstalliert
Generative KI kommt – das müssen selbst die, die sie gerne nutzen, einsehen – mit ihren Tücken daher. Sie ist nicht fehlerfrei, ganz im Gegenteil. Eine Studie zeigte, dass ca. 80% der Antworten von ChatGPT und vergleichbaren Modellen fehlerhaft oder gar gänzlich falsch sind. Hinzu kommt, dass generative KI-Modelle dazu neigen, die Meinungen (und auch den Hass und die Vorurteile) der Menschen, auf dessen Trainingsdaten sie basieren, überspitzt wiederzugeben. Rassistische Karikaturen, ableistische Stereotype, patriarchale Strukturen. Sollen sich nun behinderte Menschen auf eine KI verlassen, die Behinderung selbst nicht akkurat abbilden kann? Gerade in der Kunst geht es um die Verarbeitung und Darstellung von persönlichen Erfahrungen und Lebensrealitäten. Eine KI macht keine Erfahrungen, hat kein Leben – und schon gar keine Behinderung. Es ist so essenziell für eine tolerante, respektvolle Gesellschaft, dass alle die Möglichkeit haben, direkt voneinander zu hören und zu lernen. Behinderte Stimmen durch generative KI auszutauschen, ist bestenfalls undurchdacht und schlimmstenfalls Unsichtbarmachung.
Unsichtbarkeit ist ebenfalls etwas, womit behinderte Menschen auf dem Arbeitsmarkt besonders zu kämpfen haben. Dass die KI mal hier, mal dort Jobs wegnimmt, sollte bereits bekannt sein. Doch dass dies überproportional die Jobs von behinderten Menschen betrifft, weiß fast niemand. Accessible Jobs werden zunehmend von generativer KI erfüllt (beispielsweise Daten-Analyse, telefonische Kund*innendienste, Designarbeit). Dies betrifft sowohl Personen mit körperlichen Behinderungen als auch neurodivergente Menschen. Dass generative KI oft auch für den Prozess der Auswahl neuer Mitarbeitender genutzt wird, trägt ebenfalls dazu bei, dass Bewerber*innen mit Behinderungen weiter benachteiligt werden.
Generative KI ist kein Disability Ally
Nein, KI ist nicht die einzige Art, wie behinderte Menschen am öffentlichen Leben teilhaben, geschweige denn Kunst schaffen können. Frida Kahlo, Michelangelo, Henri Matisse, aber auch weniger bekannte Künstler*innen wie Yinka Shonibare Cbe, Kev Howard, Lady Kitt oder Grace Denton, sie alle sind Künstler*innen mit Behinderungen, deren Kunst Mal mehr und Mal weniger diese Behinderungen behandelt.
Und das ist wichtig. Denn, wie bei allen Marginalisierungen, hat das Repräsentieren von Behinderungen – vor allem durch selbst behinderte Menschen – ein enormes Potenzial, zu heilen, Verständnis und Verbindung und Community zu schaffen, sichtbar zu machen und Veränderung anzukurbeln. Aber nur, wenn diese Kunst echt ist. Wenn diese Kunst wirklich etwas aussagt, emotional greifbar, authentisch und von Menschen für Menschen ist.
„KI-Kunst ist oft der einzige Weg für Menschen mit Behinderungen und Menschen ohne Talent, künstlerisch zu sein“, behauptet Marcus DiPaola auf TikTok. Er fügt hinzu, dass er selbst kein Talent habe und daher auf generative KI angewiesen sei, um Kunst zu schaffen. Was ihm aber wirklich fehlt, ist nicht Talent, sondern Zugang, Verständnis und Freude am künstlerischen Schaffen – etwas, auf das alle Menschen Zugriff haben sollten.
von Plantskid
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Quellen:
Warum AI Art keine Kunst ist (EN)
KI und das Verschwinden zugänglicher Arbeiten (EN)
Berühmte Artists mit Behinderung (EN)

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